Aus der Geschichte Höfingens

Der Hut des Kelten ist kegelförmig. Die Proportionen des Körpers sind nicht natürlich. Fehlende Füße der Statue mussten durch Eisenstangen ersetzt werden.

Der Krieger von Hirschlanden (Kopie) an seinem Fundort

Die mit Löß bedeckten fruchtbaren Ackerböden der Markung Höfingen sind seit der Jungsteinzeit durchgehend besiedelt. Dies belegen Keramiken, Bestattungen, Schmuck und Werkzeuge aus der Zeit um 4000 v. Chr., die in den Jahren von 1989 bis 1995 im Gebiet um die Ditzinger Straße östlich vom Kreisverkehr ausgegraben wurden. Der bekannte Krieger von Hirschlanden, eine lebensgroße Sandsteinstatue aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., wurde ganz nahe unserer nördlichen Markungsgrenze gefunden und ist Zeuge einer früheren keltischen Besiedlung. Im 1. Jahrhundert n. Chr. erobern die Römer unseren Raum und gliedern ihn in ihre Provinz Obergermanien ein. Um diesen Besitz abzusichern, bauen die Römer eine große Grenzbefestigungsanlage, den Limes.

Nachdem die Römer um 260 n. Chr. den Limes aufgegeben hatten, siedeln die Alemannen in ganz Südwestdeutschland. Nach einer schweren Niederlage um 500 müssen die Alemannen ihre nördlichen Gebiete an die Franken abtreten. Die neue alemannisch-fränkische Grenze verläuft stückweise längs der Glems. Höfingen liegt bekanntermaßen nördlich der Glems und somit im Gebiet der Franken. Mit der fränkischen Herrschaft kommt auch das Christentum in römisch-katholischer Form in unsere Gegend.

Die älteste schriftliche Nennung Höfingens ist im so genannten "Lorscher Codex" zu finden, einem Buch der Reichsabtei Lorsch mit 3836 urkundlichen Eintragungen. Die Urkunde mit der Nummer 3556 ist die Abschrift einer im Jahre 880 ausgefertigten Urkunde. Darin steht, dass das Kloster eine Wiese in "Hovoheim" im Glemsgau gegen Grundbesitz in Gerlingen austauscht. Mit "Hovoheim" ist ganz zuverlässig Höfingen gemeint. Weil unser Ort damals zu Franken gehörte, ist die fränkische Endung "-heim" durchaus schlüssig. Der Ortsname "Höfingen" wird erst etwa ab dem Jahre 1000 üblich.

Schloss Höfingen mit dem markanten Staffelgiebel

Schloss Höfingen, erbaut um 1582 auf den Fundamenten der ehemaligen Stammburg der Truchsesse von Höfingen

Seit etwa dem Jahre 1000 sind Ritter von Höfingen als niederer Ortsadel belegt. Reinhardt von Höfingen, der dem Tübinger Pfalzgrafen untersteht, wechselt 1285 zu dem mächtigen Grafen Eberhard I. von Württemberg und wird 1290 zu dessen "Truchsess" (für Küche und Tafel zuständiger Hofbeamter) ernannt. Höfingen ist seitdem württembergisch. Bald dürfen sich alle Mitglieder des Höfinger Ortsadels "Truchsess von Höfingen" oder "Truchsessin von Höfingen" nennen. Einige Truchsesse in württembergischen Diensten haben in Höfingen weiterhin das Sagen, andere bekleiden fern von ihrem Stammsitz hohe Ämter beim Militär, der Geistlichkeit oder in der Verwaltung.

In kirchlichen Belangen endet schon im 14. Jahrhundert der Einfluss der Truchsesse, weil sie in finanzieller Klemme ihr Patronat an der Laurentiuskirche an die Grafen von Württemberg verkaufen müssen. Letztere überlassen das Patronat 1442 der von ihnen gegründeten Bruderschaft "Salve Regina" in Stuttgart. Bis zu ihrem Aussterben im 18. Jahrhundert lassen sich Truchsesse in der Laurentiuskirche bestatten. Heute erinnern nur noch die Truchsessenstraße und das Schloss daran, dass Höfingen der einzige Ort im Bereich des heutigen Leonberg ist, der einst Stammsitz eines bedeutenden Adelsgeschlechts war.

Als Herzog Ulrich von Württemberg 1534 in seinem Herzogtum das evangelische Bekenntnis zur Staatsreligion erklärt, müssen sich alle Höfinger auf den neuen Glauben umstellen. Somit wird 1535 zum Gründungsjahr der evangelischen Kirchengemeinde Höfingen. Die Geschichte Höfingens ist von da an identisch mit der Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde. Anno 1558 beginn man, Kirchenbücher (Tauf-, Ehe- und Sterberegister) zu führen. Diese dienen bis zum Jahre 1876 auch als standesamtliche Urkunden und sind heute noch eine unverzichtbare Quelle für die Familienforschung.

Die Gebäude Höfingens sind um die Laurentiuskirche herum gruppiert. Weinstöcke bedecken die Hänge des Glemstales.

Das Dorf "Höffingen" 1682. Dieses Titelbild des Höfinger Heimatsbuchs entstammt dem Kieser'schen "Forstlagerbuch".

Das alte Höfinger Pfarrhaus wird 1578 erbaut und soll seine Funktion noch bis zum Jahre 2014 beibehalten. Es ist Teil eines recht stattlichen landwirtschaftlichen Anwesens. Ein Überbleibsel aus dieser Zeit ist das große bogenförmige Tor, die Einfahrt in die Remise. Links hinter dem Pfarrhaus steht die kirchliche Zehntscheuer, in welcher der in Naturalien abgelieferte Kirchenzehnte, eine Art Kirchensteuer, gelagert wird. Heute erinnert an dieses Gebäude nur noch der Straßenname "An der Zehntscheuer". Selbstverständlich kann der Pfarrer die Arbeit in der Landwirtschaft seinem Personal überlassen. Neben seiner Hauptaufgabe als Seelsorger ist der Pfarrer bis zum Jahre 1908 auch der unmittelbare Vorgesetzte der örtlichen Lehrer und damit für die Qualität der Schulbildung in Höfingen verantwortlich. Diese Aufgabe darf er nicht delegieren.

Durch seine exponierte strategische Lage droht dem protestantischen Württemberg im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) zeitweilig der Untergang. Die Höfinger sind schwer betroffen durch erdrückende Abgaben, Einquartierungen, Truppendurchmärsche, Plünderungen und die Brandschatzung ihrer Kirche.  Anno 1634 ermorden Landsknechte 11 Höfinger auf brutalste Weise. Die Pest im Folgejahr entvölkert das Dorf radikal: Von den 368 Einwohnern bleiben nur 123 am Leben. Es zeugt von einem ganz starken Glauben, wenn die Höfinger schon 1678 ihre Laurentiuskirche mit Gemälden des Kunstmalers Johann Sebastian König ausschmücken lassen. Diese Ölgemälde mit biblischen Themen hängen jetzt im Kirchsaal.

Mehrere Hungerjahre und politische Unterdrückung führen in Deutschland um die Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer großen Auswanderungswelle, die auch die Höfinger erfasst. Die meisten Auswanderer suchen eine bessere Zukunft in Nordamerika, etliche auch in Polen, Ungarn oder Russland.

Von der Laurentiuskirche aus gemessen reichen die Häuser Höfingens 2009 gut je einen Kilometer nach West bzw. Ost.

Blick vom Haldengebiet Leonberg auf Höfingen im Jahre 2009. Der Stadtteil hat inzwischen eine West-Ost-Ausdehnung von gut 2 km.

Moderne Zeiten brechen an, als 1889 die Höfinger endlich ihre Bahnstation bekommen. Zu ihrem großen Ärger fuhr bisher die Schwarzwaldbahn 20 Jahre am Ort ohne Halt vorbei! Damit sind schon die Weichen für den Wandel vom Bauerndorf zur Wohngemeinde im Einzugsbereich großer Industriefirmen gestellt. Obendrein erhält Höfingen 1911 Anschluss an das elektrische Stromnetz.

Auf dem alten Friedhof an der Ditzinger Straße erinnern Ehrenmale an die Gefallenen der beiden Weltkriege aus Höfingen. Sie halten uns die erschütternden Folgen einer verantwortungslosen oder gar verbrecherischen Politik vor Augen. Seit Ende des 2. Weltkrieges (1945) flüchten Deutsche zu Millionen aus ihrer alten Heimat im Osten oder werden daraus mit Gewalt vertrieben. Auch in Höfingen sind viele Flüchtlinge und Heimatvertriebene unterzubringen, für sie werden neue Siedlungen erbaut. Sie bringen ihren römisch-katholischen Glauben mit nach Höfingen. Ökumene entwickelt sich. Trotz größter Schwierigkeiten wird ihre Eingliederung ein einzigartiger Erfolg, zu der sowohl Alteingesessene als auch Neubürger tatkräftig beitragen. Im Gefolge des wirtschaftlichen Aufschwungs finden nach und nach noch viele weitere Zuwanderer, die im Stuttgarter Raum Arbeit haben, in Höfingen eine neue Heimat.

 

Hans-Eberhard Wallrauch

 

Quellen:

"Höfinger Heimatbuch", herausgegeben vom Höfinger Heimatverein e. V., 1986
"Württembergische Geschichte im südwestdeutschen Raum", Karl Weller und Arnold Weller, 1989.

Wer noch mehr über die Geschichte Höfingens erfahren möchte, kann u. a. die einschlägigen Seiten bei zeitreise bb studieren, darunter z. B. die folgenden:

Die Höfinger Pfarrei

Die Truchsessen von Höfingen

Das Höfinger Schloss